Informationszentrum Leben ohne Schule

Bayern 2 Radio-Sendung "Nahaufnahme" vom 28.2.2005, 22.30 Uhr


"Heute bleibe ich zuhause in der Schule"

Homeschooling in den USA

Autor: Martin Wagner/ ARD Washington

Bildungspolitik / Annette Maier


MUSIK

In den siebziger und achtziger Jahren haben immer mehr Eltern in den Vereinigten Staaten die Erziehung in die eigene Hand genommen, ihre Kinder aus den Schulen geholt und zu Hause unterrichtet. „Homeschooling" entstand - eine Bewegung, die seitdem mit jedem Jahr beliebter wird.

MUSIK Pink Floyd "we don't need no education" HOCH Refrain

Dran und drueber:

TON L: kids interest 0’42

darüber: „Neugier - das ist meine persönliche Theorie - Neugier erzeugt Interesse, Interesse erhöht die Aufmerksamkeit für die Aufgabe und diese Aufmerksamkeit steigert das Lernen. Es ist nicht ein Lehrer entscheidend, es ist nicht ein Schulbuch, es ist nicht das Sitzen an einem Schreibtisch zu einer bestimmten Zeit am Tag für eine bestimmte Dauer - es ist die Aufmerksamkeit. Ich glaube, der bemerkenswerte Erfolg des Homeschoolings liegt darin, dass es den Eltern die Freiheit gibt, aus den Interessen ihrer Kinder Kapitel zu schlagen."

TON hoch

Linda Dobson ist so etwas wie die Wortführerin der Homeschooler in den USA. Erst hat sie ihre drei Kinder zu Hause selbst unterrichtet und dann ein Buch nach dem anderem geschrieben, um für das Homeschooling zu werben und Vorurteile gegenüber dem Privatunterricht zu Hause abzubauen. Seit 1993 geben alle 50 Bundesstaaten der USA den Eltern die Freiheit, das Wohnzimmer oder den Garten zum Klassenraum zu machen. Immer mehr Amerikaner nehmen sich diese Freiheit, obwohl es bis heute tief sitzende Vorurteile gegenüber dem Homeschooling gibt. Amy Wilson hat sich ernsthaft mit diesem Thema auseinandergesetzt, als sie vor der Frage stand, ob ihr bald sechsjähriger Sohn Henry in die Vorschule gehen soll.

TON W: stereotype 0’34

darüber: „Da habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren, was Homeschooling ist. Zuvor habe ich es für irre gehalten. Ich hatte die übliche Klischeevorstellung: Homeschooler - das sind Fundamentalisten, Christen, die ihre Kinder nicht einer säkularen Institution überlassen wollen. Sie sitzen alle um einen Tisch, legen jeden Morgen den Eid auf die US-Flagge ab, haben eine Mittagspause, eine Pause im Freien und tun dasselbe wie in der Schule, aber sie tun es zu Hause. Sie wollen ihre Kinder scharf kontrollieren und das war nicht, was ich wollte."

TON hoch

Richtig ist, dass Homeschooling im Grunde genommen aus zwei Bewegungen entstanden ist. Zum einen wollten konservative Christen verhindern, dass ihren Kindern in den öffentlichen Schulen Dinge beigebracht werden, die ihrem Glauben widersprechen - etwa die Evolutionstheorie. Und zum anderen hatten links-liberale Eltern das Gefühl, dass die öffentlichen Schulen ihren Ansprüchen nicht genügen. Zusammen genommen waren diese Bewegungen stark genug, dem Privatunterricht zu Hause zum Durchbruch zu verhelfen. Heute gehen etwa zwei Prozent aller Kinder in den USA nicht in eine Schule, sondern bleiben daheim. Unterrichtet meist von der Mutter und vom Staat oft kaum kontrolliert. David Salisbury vom liberalen Cato-Institut verweist auf eine Untersuchung des Zentrums für Erziehungsstatistik. Erst kürzlich wurden Eltern gefragt hat, warum sie sich für Homeschooling entschieden haben.

TON S: reasons 1’04

darüber: „Grund Nummer eins war Besorgnis wegen der Zustände an den Schulen - das kann Gewalt sein aber auch ein zu säkulares Umfeld. Der zweite Grund war der Wunsch nach religiöser und moralischer Anleitung. Der dritte Grund für Homeschooling war Unzufriedenheit mit den akademischen Leistungen an den Schulen. Und deshalb glaube ich, dass Eltern, die zuvor keinen Gedanken an Homeschooling verschwendet haben, diesen Punkt erreichen, wenn ihr Kind Probleme hat. Das können soziale Probleme sein, Gewalt oder dass die Kinder unterfordert sind. Die Schule kann darauf nicht reagieren und die Eltern entscheiden: Dann mache ich das selbst, wir können das zu Hause besser. Manche Eltern landen so eher zufällig beim Homeschooling, wegen eines Problems, das die Schule nicht lösen kann."

TON hoch

Das ist kein leichter Schritt, denn schließlich nehmen die Eltern mit dieser Entscheidung zusätzliche Verantwortung auf sich. Für David Salisbury, den Bildungsexperten am Cato-Institut besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Unzufriedenheit mit dem öffentlichen Schulsystem und der zunehmenden Popularität des Homeschooling.

TON S: dissatisfact 1’01

darüber: „Homeschooling hat in den letzten Jahrzehnten eine Wachstumsrate von 10 bis 15 Prozent pro Jahr - das ist beachtlich - und dazu haben ohne Zweifel die Unzulänglichkeiten des öffentlichen Schulsystems beigetragen. Eltern haben das Gefühl, dass sie mit entsprechendem Einsatz in den ersten Jahren dafür sorgen können, dass ihre Kinder Schreiben, Lesen und Mathematik lernen - besser, als wenn sie die Kinder in die Schule schicken. Natürlich ist dafür ein großes persönliches Engagement notwendig. Zumindest einer der Eltern muss viele Stunden zu Hause mit dem Unterricht für die Kinder verbringen - das kann also nicht jede Familie leisten, und es sollte auch nicht jede."

TON hoch

Doch mit amerikanischen Selbstbewusstsein stellen sich Tausende von Müttern dieser Aufgabe. Davon überzeugt, dass sie mit Liebe, einem Internetzugang und Kreativität allemal mehr bieten für ihre Kinder als ein Pädagoge nach einem Studium. Shay Seaborne hat selbst eine öffentliche Schule in Virginia besucht, doch ihren beiden Töchtern möchte sie diese Erfahrung ersparen. 14 und elf Jahre sind Caitlin und Laurel alt, Schulen kennen sie nur von außen, denn ihre Schule ist das Zuhause und ihre Lehrerin ist von Anfang an die Mutter. Shay Seaborne hat an ihrer Qualifikation keine Zweifel.

TON Sh: qualified 0’43

darüber: "Ich bin qualifiziert, weil ich sie so gut kenne und weil mir ihre Erziehung mehr am Herzen liegen als allen anderen. Außerdem lebe ich in einer Gegend, in der wir eine Vielzahl von Hilfsmitteln haben und ich bin eine findige Person. Ich gehe immer hin und finde oder gestalte, was meine Kinder gerade brauchen. Wenn ich, - sagen wir - die Fähigkeit, ihnen höhere Mathematik beizubringen, nicht habe und sie das brauchen, dann sorge ich dafür, dass ihnen das geboten wird. Ich starte entweder einen Mathe-Club, für den wir einen Lehrer anwerben, der mit den Kindern arbeitet, oder schreibe sie in Kurse am örtlichen College ein oder an einer Privat-Schule oder beschäftige einen Privatlehrer - irgendwas in der Art."

TON hoch

Gar nicht weit davon entfernt lebt, ebenfalls im nördlichen Virginia, Wanda Sloper. Anders als Shay Seaborne schickte sie ihre beiden Söhne zunächst auf die öffentliche Schule und dachte gar nicht daran, sie selbst zu unterrichten. Das änderte sich erst, als Creigh und Eric die Schule wegen einer Lungenentzündung wochenlang nicht besuchen konnten. Sie waren damals in der dritten und vierten Klasse und schafften es nicht, den verpassten Stoff aufzuholen. Oder vielleicht anders herum: Die Lehrer schafften es nicht, den beiden dabei zu helfen. Und so entschied sich Familie Sloper für Selbsthilfe. Wanda Sloper gab ihren Job als Krankenschwester auf und wurde zur Lehrerin ihrer beiden Söhne - nicht ganz freiwillig und durchaus mit Herzklopfen am Anfang.

TON W: nervous 1’33

Darüber: "Als wir angefangen haben, war ich schon nervös: Ich wusste nichts über das Homeschooling, ich wusste nicht, ob ich das schaffen würde - mein Mann hat gesagt, ich kann das. Er hatte das Vertrauen und das war gut. Die Unterstützung durch den Ehepartner ist wichtig. Und dann musste ich mich an ihre Lerngewohnheiten gewöhnen - und sie mussten realisieren, dass ich als Mutter auch Lehrerin bin - daran mussten sie sich ebenfalls gewöhnen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich die Zeit mit ihnen genieße und ich bedauere es nicht. Man denkt nicht über’s Geld nach, wenn man zwei Einkommen hat, aber man kann sich anpassen - und diese ganze Zeit, wenn die Kindern dauern bei einem sind, das kann man nicht ersetzen - Materielles kann man immer kaufen, aber die Zeit, die man miteinander verbringt, wenn man ins Kino geht oder ins Theater und man sieht das Leuchten im Gesicht der Kinder - und man ist dabei - das ist anders, als wenn sie mit der Schule gehen, ein Theaterstück sehen, nach Hause kommen und davon erzählen - Du warst dabei, hast es mit deinem Kind erlebt und ihr hattet eine tolle Zeit miteinander - die größte Änderung für mich war, mich daran zu gewöhnen, dass sie die ganze Zeit zu Hause sind, dass ich die Lehrerin bin und sie unterrichte - aber ich bedauere das nicht, es war es wert."

TON hoch

Für den bald 18jaehrigen Creigh ist der Wechsel von der Schule zum Privatunterricht zu Hause in jeder Hinsicht vorteilhaft gewesen. Zum einen musste er nicht mehr zu früh aufstehen, um mit dem Schulbus zur Schule zu fahren - er konnte seiner Neigung nachgeben, nachts zu lernen und morgens lange zu schlafen. Und zum anderen hat er es seitdem mit einer Lehrerin zu tun, die er in- und auswendig kennt, und das ist leichter, meint Creigh.

TON C: mother 0’29

darüber: „Man kann sie ausrechnen - anders als einen Lehrer, von dem man keine Ahnung hat, wie er reagiert, wenn man etwas Falsches macht oder Böses anstellt in der Schule. Mit ihr ist es einfach, weil sie hilft, wenn wir Hilfe brauchen - das macht das Leben leichter, bereitet weniger Kopfzerbrechen."

TON hoch

Die Kopfschmerzen beginnen für Creigh vermutlich in wenigen Monaten, dann nämlich hat er seinen Highschool-Abschluss. Er muss sich dafür - wie in den Jahren zuvor - einer Prüfung unterziehen, und dann ist ein College sein nächstes Ziel, um dem angestrebten Jurastudium näher zu kommen. Homeschooling bedeutet nicht den Ausstieg aus allen staatlichen Institutionen, das zeigt Creigh Sloper und das weiß auch Linda Dobson. Sie hat nicht nur Bücher geschrieben, die nahezu alle Fragen über das Homeschooling beantworten, sondern trifft auf ihren Vortragsreisen immer wieder die unterschiedlichsten Familien.

TON L: neat - sloppy 1’19

darüber : „Das Lustige ist: Ich kenne eine Menge Leute, die zu Hause unterrichten und ich kann sie wirklich nicht in eine Schublade stecken: Einige von ihnen sind sehr gut organisiert, andere sind die chaotischsten Leute, die ich in meinem Leben getroffen habe. Einige haben sehr ordentliche, andere schlampige Häuser. Kann jeder Homeschooling machen? Ich denke, wenn man seine Kinder genießen kann oder glaubt, lernen zu können, sich an ihnen zu erfreuen, dann ja. Unsere Welt ist heute so schnelllebig, dass sich viele Familien gar nicht richtig kennen und Homeschooling hilft ihnen dabei. Also, wenn man lernen kann, mit seinem Kind Spaß zu haben, wenn man lesen kann, schreiben kann - dann kann man auch Homeschoolen. Denn eines braucht man nicht: eine Lehrbefugnis. Tatsächlich haben Leute, die das institutionelle Herangehen an Lehren gelernt haben oft die größten Probleme mit dem Homeschooling: Sie kommen davon nicht los, dass ein Kind belehrt werden muss, während das Homeschooling vielen Familien gezeigt hat, dass Kinder lernen - Punktum."

TON hoch

MUSIK und Refrain drunter

Was die Kinder zu Hause lernen, unterscheidet sich manches Mal gar nicht so sehr von dem, was sie in der Schule lernen würden. Dann jedenfalls, wenn die Eltern wie Shay Seaborne vorgehen. Sie hat am Anfang, als sie sich daran machte, ihre beiden Töchter selbst zu unterrichten, hin und wieder einmal einen Blick in die staatlichen Lehrpläne geworfen.

TON Sh: guidelines 1’22

darüber: „Viele, die zu Hause unterrichten, sehen dies als Richtlinien und schauen, ob ihre Kinder das Richtige tun, falls sie glauben, das sei das Richtige. Ich habe das auch getan. Ich habe anfangs überprüft, ob ich das Richtige tue. Und als ich das länger gemacht habe und sehen konnte, dass ich keine Idioten groß gezogen habe - sie hatten Interessen, die nicht mit den Standards übereinstimmten, sie können auf dem einen Gebiet weit voraus sein, und zurück auf einem anderen, aber sie lernen auf eine Art, die ihnen entgegen kam - da konnte ich viel entspannter sein und sie einfach machen lassen. Sie sind beide erstaunlich große Fans von Geschichte. Das ist überraschend, denn weder mein Mann noch ich interessierten uns in der Schule für Geschichte. Ich habe es - ehrlich gesagt - gehasst. Aber das lag daran, wie sie uns gelehrt wurde. Man prägt sich Namen und Daten von Kriegen ein und ein paar wichtige Ausdrücke werden einem noch an den Kopf geworfen, die man wissen muss, und das war’s dann schon. Das habe ich schrecklich gefunden. Jetzt aber, da sich meine Kinder - ohne meinen Einfluss - für Geschichte interessieren, haben sie mich dazu gebracht, Geschichte zu lieben. Weil ihr Ansatz ist: So wurden Menschen von ihrer Zeit beeinflusst und so haben sie die Zeiten beeinflusst - das fasziniert mich."

TON hoch

Amy Wilson hat sich für einen radikalen Ansatz entschieden. Was sie mit ihrer vierjährigen Tochter Betsy und ihrem sechsjährigen Sohn Henry macht, nennt sie nicht Homeschooling, sondern un-schooling. Sie drückt dadurch aus, dass sie mit dem traditionellen Konzept von Schule gar nichts zu tun haben möchte. Auch wenn sie damit manches mal auf Unverständnis stößt.

TON W: unschooling 1’02

darüber: "Oft, wenn man sagt, dass man nicht unterrichtet, meinen Leute, das bedeutet, dass man gar nichts tut. Aus der Perspektive des „Schule-zu-Hause-Ansatzes", wo es ein Schulbuch für jedes Fach gibt, wo man Schulzeiten hat, wo man immer am Tisch sitzt und seine Lektion lernt - aus dieser Perspektive sieht es wohl wirklich aus als würden wird nichts tun. Bei uns gibt es keine Lektionen. Wenn das Kind aber ein Buch nimmt und etwas lernen will, dann ist das in Ordnung für mich, aber ich werde sie nicht hinsetzen und sagen: ’Es ist Zeit für das Mathematik-Buch.’ Ich möchte, dass Lernen etwas ist, das sie tun möchten. Und mein Gefühl ist, das ist zeitlich effektiver und macht ihnen viel mehr Spaß, wenn sie lernen, was sie lernen möchten, wenn sie bereit sind zu lernen. Wenn ein Kind an Mathe kein Interesse hat und Sie setzen es hin, dann wird es das hassen und später werden sie noch weniger bereit sein, Mathe zu lernen. Es wird nur ein Lern-Hindernis, wenn Sie sie dazu zwingen."

TON hoch

Die Welt als Klassenzimmer - lautet das Schlagwort von Linda Dobson. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die Kinder im Alltag selbst entdecken, was für sie wichtig ist, was sie lernen und erfahren wollen. Die Erziehung wird zu ihrer eigenen Sache und ihnen nicht von außen übergestülpt. Das Lernen als Lebensphilosophie, nennt es Linda Dobson.

TON L: lifestyle 1’09

darüber: „Ich nenne das den lernenden Lebensstil. Es ist die Entscheidung, das Lernen an die erste Stelle in einer Familie zu stellen und Lernen in das Leben einzuflechten. Im Gegensatz zur Schule, wo es etwas Abgetrenntes ist. Ich glaube, das ist ein weiterer Fehler, den wir mit der Institution Schule machen: Wir übermitteln Kindern die Botschaft, dass es einen bestimmten Platz gibt, an den man zu bestimmten Zeiten zum Lernen geht. Und so haben sie die Vorstellung, wenn sie diesen Platz zu einer bestimmten Zeit verlassen, dass dann das Lernen aufhört: ‚Ich muss nichts lernen, weil ich nicht in der Schule bin und nicht zum Lernen gezwungen werde’. Das andere ist eine viel natürlichere Annäherung an das Lernen, die Kinder errichten nicht diese künstlichen Grenzen, die fallen weg, weil Lernen und Leben miteinander verflochten sind. Wenn man einmal diesen lernenden Lebensstil lebt, ist es schwierig, das Homeschooling vom Leben zu trennen."

TON hoch

Und so geht alles ineinander über oder ist eben miteinander verflochten. Lebensalltag und Schullalltag sind eins, wenn Shay Seaborne schildert, wie ein durchschnittlicher Tag in ihrem Haus aussieht.

TON Sh: day 0’49

darüber: „Wir stehen am Morgen auf - die Kinder, wann sie wollen, was meist ziemlich früh ist - und dann haben sie Zeit, einige Aufgaben im Hause zu erledigen. Danach tun wir oft etwas außerhalb, sei es, dass wir Besorgungen erledigen oder uns mit anderen Homeschoolern treffen oder einen Ausflug machen oder irgendwo etwas Neues lernen. Zum Beispiel in der Bibliothek. Danach, am frühen Nachmittag sind wir meist zu Hause und haben ein gemeinsames Mittagessen. Dann haben wir ein paar ruhige Stunden: Lesen oder jeder tut etwas individuell und danach treffen wir uns wieder, um Abendessen zu kochen, das wir fast jeden Abend gemeinsam als Familie einnehmen und dann entspannen wir oder tun etwas zusammen oder haben wieder eine ruhige Zeit."

TON hoch

Ruhig kann es im Haushalt von Hannah Keeley eigentlich nie sein. Mit ihrem Mann und sechs Kindern lebt sie südlich von Richmond in Virgina. Die Kinder sind elf, zehn, acht, sieben und drei Jahre alt, sowie 15 Monate - keines besucht eine Schule. Hannah Keeley und ihr Mann Blair unterrichten die Kinder selbst und beide sind selbständig. Blair betreibt Sport-Marketing, Hannah hat ein Buch über Haushaltsmanagement geschrieben - an eigener Erfahrung dürfte es ihr nicht mangeln. Den Alltag im Hause Keeley beschreibt sie mit einem Wort.

TON HK: prepared 0’44

darüber: "Verrückt - das ist ein normaler Tag. Das ist so, wenn man sechs Kinder hat - es ist reichlich verrückt. Ich muss ziemlich früh aufstehen, um vorbereitet zu sein. Wenn ich nicht alles fertig habe - Frühstück, das Haus, angezogen und startklar, dann man auf dem falschen Fuß erwischt werden - also muss man vorbereitet sein, und dann machen wir unsere Schularbeiten am Morgen, haben Mittagessen, eine Pause, einige Aktivitäten draußen und dann am Nachmittag erledigen sie noch Aufgaben oder besondere Projekte, Kunst etwa oder sonstiges."

TON hoch

Während des Gesprächs sitzen die Kinder mucksmäuschenstill nebenan und lesen. Es fällt nicht schwer, diese Kinder als ausgesprochen wohl erzogen zu beschreiben. Die zehnjährige Katie erzählt, womit sie sich zur Zeit beschäftigt.

TON Ka: is fun 0’26

darüber: „Wir lernen gerade über Russland und ich muss einen Bericht über russisches Ballet machen. Dann machen wir Hauptfächer - Mathe, Grammatik, Aufsatz. Wir schreiben über ein Buch, das wir lesen - und jeden Tag haben wir eine Stunde Lesezeit. Schule zu Hause macht einfach Spaß."

TON hoch

Auch wenn Homeschooling den Kindern wie den Eltern momentan die ideale Lebens- und Lernform zu sein scheint: Das muss nicht immer so bleiben. Blair Keeley gibt offen zu, dass das öffentliche Schulsystem durchaus Vorteile hat, die er und seine Frau genossen haben - vom Schulsport bis hin zum Schulball und der Abschlussfeier. All’ das werden sie ihren Kindern nicht bieten können, wenn es beim Unterricht zu Hause bleibt. Doch Familie Keeley geht pragmatisch damit um. Jedes Jahr wird auf’s Neue überlegt, ob es beim Homeschooling bleibt. Hannah Keeley will einen Wechsel in’s traditionelle Schulsystem jedenfalls nicht grundsätzlich ausschließen.

TON HK: school-system 0’24

darüber: "Ich sage nie, was genau passieren wird. Ich weiß es nicht. Wir haben schon die Vorstellung, dass sie zum Schulsystem kommen könnten. Aber andererseits sehen wir mit dem Unterricht zu Hause so viel Erfolg, bei der Erziehung aber auch als Rahmen wie sie sich dem Leben nähern. Wir sehen viel Gutes, das sich da durch Homeschooling auf allen Ebenen entwickelt und so machen wir weiter."

TON hoch

Bei sechs Kindern kann man schlecht davon sprechen, dass sie isoliert aufwachsen, zumal Hannah und Blair Keeley erzählen, in wie vielen Sportvereinen sie mit ihren Kindern sind. Doch alle Homeschooler sind auf die so genannte "S-Frage", die Frage nach der Sozialisation vorbereitet: Wachsen die Kinder isoliert auf, wenn sie nahezu ausschließlich zu Hause unterrichtet werden? Von Einsamkeit kann keine Rede sein, sagt Creigh, der seit dem vierten Schuljahr von seiner Mutter unterrichtet wird.

TON C: isolated 0’45

darüber: „Ich habe immer noch zu vielen Kontakt, mit denen ich in die Schule gegangen bin. Ich habe zudem Kontakte, wenn ich Samstags zum Bowling gehe. Was Sozialisation angeht - man muss rausgehen und mit den Leuten reden. Wenn man Sport macht, redet man mit anderen, trifft Freunde. Wer das nicht will - bitte, das ist seine Sache. Wer alleine sein und seine Schularbeiten machen will - das ist seine eigene Entscheidung. Ich komme schnell in Kontakt, das ist eben meine Art. Man muss sich halt um Kontakte bemühen. Wer das nicht macht, bleibt alleine - aber das ist jedermanns eigene Sache."

TON hoch

Vor allem aber verfügen die Homeschooler über ein vorzügliches Netzwerk. Es bedarf keiner langen Suche im Internet, um auf Gleichgesinnte zu stoßen. Anne Clay ist mit ihren zwei Söhnen, sechs und vier Jahre alt, seit geraumer Zeit ein regelmäßiger Gast bei Amy Wilson. Obwohl die beiden Familien nicht weit voneinander entfernt im Norden Virginias leben, kannten sie sich nicht - bis Anne Clay sich um Kontakt zu anderen Homeschoolern in der Nachbarschaft bemühte und fündig wurde. Daraus entstanden die regelmäßige Treffen.

TON C: club 0’45

darüber: „Unsere Familien verbringen jede Woche ein paar Tage zusammen, manchmal sind es drei oder vier Familien. Wenn wir in meinem Haus sind, sind immer viele Leute da. Wir gehen mindestens zu einem Treffen pro Woche. Morgen haben wir eine Haustiershow. Jeder bringt entweder ein Bild oder sein Haustier. Die Kinder erzählen, zeigen ihre Tiere, kommen zusammen und wechseln sich ab. Solche Veranstaltungen gibt es jede Menge. Freitags ist eine Musik-Vorführung in der Bibliothek. Eine der Homeschooling-Mütter macht etwas mit Schlaginstrumenten. Jeder macht mit und sie bringt ihnen Musik bei."

TON hoch

Die Flexibilität rechnet die Autorin und einstige Homeschoolerin Linda Dobson - ihre Kinder sind längst erwachsen und haben sie zur Großmutter gemacht - zu den großen Vorteilen dieses Lebensstils. Hier kann wirklich jeder nach seiner Facon glücklich werden.

TON L: school-edu 0’49

darüber: "Homeschooling funktioniert so gut, wie wir das erleben, wegen der Flexibilität. Es kann geformt, gedreht und gewendet werden, um auf die Bedürfnisse eines einzigartigen Kindes zu passen - welche immer das sein mögen. Ich glaube zutiefst, dass Zwang ein Fehler in der Erziehung ist, er ist eine Notwendigkeit für Schulunterricht, aber ein Fehler in der Erziehung. Schule und Erziehung sind nicht dasselbe. Wir bringen diese Begriffe oft durcheinander. Wir nehmen an, dass ein Kind, bloß weil es zur Schule geht eine Erziehung erhält, aber das ist nicht unbedingt richtig."

TON hoch

MUSIK Refrain drunter

Vielfalt statt Monotonie, Selbständigkeit statt Abhängigkeit - wer sich in den USA für Homeschooling entschieden hat, gehört zu einer selbstbewussten Minderheit. Die stolz auf ihre Erfolge bei akademischen Prüfungen verweist und darauf, dass Homeschooler an Universitäten durchaus gefragt sind. Weil sie gelernt haben zu lernen, wie Wanda Sloper erzählt.

TON W: never home 1’29

darüber: "Nun, was man investiert, das bekommt man auch heraus. Als wir zu dem Highschool-Jahren kamen, brauchten sie mich weniger. Sie konnten bereits selbst lernen und das Entscheidende am Anfang war, ihnen das Lernen beizubringen. Als sie die öffentliche Schule verlassen haben, konnten sie bereits lesen, schreiben und all’ das. Wir hatten Mathe, Buchstabieren und Englisch hinter uns und mussten nur noch die Anforderungen der nächsten Klassen erfüllen. Und dann haben sie Lerntechniken gelernt und wie sie sich selbst etwas beibringen. Und in den Highschool-Jahren brauchen sie mich nicht so sehr. Im Grunde heißt es: Hier ist Dein Mathe, Dein Englisch, Deine Geschichtsaufgabe - was auch immer - und sie machen es alleine. Wir haben dann noch Musik-Klassen außer Haus, Fremdsprachen ebenfalls, es gibt Programme, die man da nutzen kann oder sie können online lernen. Aber es macht auch Spaß, mit einer Gruppe von Leuten zusammen zu sein. Geschichte und Naturwissenschaften haben sie viel direkt gelernt, in Museen, in Klassen außerhalb des Hauses - so kommen sie mit anderen Jugendlichen und Kindern zusammen und hören auch von anderen etwas - und nicht nur die ganze Zeit von der Mutter - und natürlich gibt es DVDs, das Fernsehen, Dokumentationen, den Geschichtskanal und all’ das, und dann nimmt man sie noch in’s Theater und zu anderen Aktivitäten mit. Man nennt uns Homeschooler, aber wir sind in Wirklichkeit out-schooler, weil wir nie zu Hause sind."

TON hoch

Das klingt leicht und nach viel Spaß. Doch zum Homeschooling gehört mehr als das Selbstbewusstsein, dass man seinen Kindern alles beibringen kann, was sie bis zum Ende der Schulzeit wissen müssen. Shay Seaborne - Homeschoolerin aus voller Überzeugung - glaubt nicht, dass jeder dem Beispiel ihrer Familie folgen kann oder sollte.

TON Sh: everybody 1’02

darüber: „Ich bin nicht sicher, dass jeder das kann. Dazu gehört in erster Linie eine bestimmte Einstellung, Geisteshaltung - man muss es wirklich wollen. Wenn man es zögernd angeht, wird es schwierig. Wenn man es nicht wirklich genießt, seine Zeit mit den Kindern zu verbringen, wird es schwierig. Wenn man ein feindseliges Verhältnis zu seinem Kind hat, könnte es sehr schwierig werden. Homeschooling ist eine intensive Art der Elternschaft, gewissermaßen mit voll aufgedrehter Lautstärke. Es hat mich zu einer besseren Mutter gemacht, weil ich mich direkt mit den Themen und dem, was zwischen uns passiert, auseinandersetzen muss. Ich kann nicht vorgeben, es sei nichts vorgefallen und sie in den Schulbus setzen … einige Freunde haben mir gesagt: ‚Meine Kinder hören nicht zu, sie geben freche Antworten, sie sind feindselig, sie kämpfen die ganze Zeit - also schicke ich sie in die Schule und muss mich damit nicht auseinandersetzen’ - ich sage darauf stets: Glaubst Du wirklich, dadurch lösen sich die Probleme?"

TON hoch

Auch Homeschooling löst nicht alle Probleme - natürlich nicht, lacht Linda Dobson. Ihr Plädoyer lautet ganz einfach - Schule darf nicht das einzige Erziehungsangebot sein, dafür hat Homeschooling ihrer Meinung nach viel zu viel zu bieten.

TON L: truly 0’55

Darüber : „Ich glaube, es gibt Leute, die würde der Unterricht zu Hause verrückt machen. Ich denke aber, mehr Familien sollten es in Erwägung ziehen. Ich denke, viele verschließen sich der Idee des Homeschooling, weil sie nicht wissen, was Homeschooling ist. Ich denke, sie stellen sich vor, sie müssten Lehrer spielen und von acht Uhr morgens bis 3 Uhr nachmittags an einem Tisch sitzen - Homeschooling ist viel mehr Spaß als das, viel breiter, viel tiefer als das. Ich würde jedem, der auch nur flüchtig darüber nachdenkt, empfehlen, möglichst viele Bücher zu lesen, geschrieben aus möglichst vielen Blickwinkeln, und zu lernen, was Homeschooling wirklich ist."

MUSIK dran und hoch

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